Der Exoplanet TRAPPIST‑1 d


TRAPPIST-1 d – Vom erdähnlichen Hoffnungsträger zur realistischen Ernüchterung


1. Einleitung – die Suche nach einer zweiten Erde

Seit Jahrzehnten ist die Menschheit auf der Suche nach einem zweiten Zuhause im All – einer Welt, die der Erde so ähnlich ist, dass dort Leben, wie wir es kennen, existieren könnte. Diese Suche ist mehr als nur eine wissenschaftliche Neugier: Sie wirft fundamentale Fragen nach unserer Einzigartigkeit auf.

TRAPPIST-1 d stand lange im Rampenlicht dieser Suche. Als einer von sieben erdgroßen Planeten um einen nahen Stern bot er das, was Astronomen als „beste natürliche Laborumgebung“ für Habitabilitätsforschung bezeichnen. Doch je genauer wir hinschauten, desto klarer wurde: Er ist kein Zwilling der Erde – und vielleicht nicht einmal ein entfernter Cousin.


2. Das TRAPPIST-1-System – ein kosmisches Labor

2.1 Entdeckung

Das System wurde 2016 mit dem TRAPPIST-Teleskop in Chile entdeckt, das speziell darauf ausgelegt war, erdgroße Planeten um kleine Sterne zu finden. Die Transitmethode – das präzise Messen von Helligkeitsschwankungen des Sterns – lieferte die ersten Hinweise auf die Planeten b, c und d.

2017 folgte eine Sensation: Mit Hilfe des Spitzer-Weltraumteleskops entdeckte man vier weitere Planeten. Damit wurde TRAPPIST-1 zum ersten bekannten System mit sieben erdgroßen Planeten.

2.2 Ein einzigartiger Aufbau

Alle sieben Planeten liegen enger um ihren Stern als Merkur um die Sonne. Dennoch gibt es drei Planeten (e, f, g), die im klassischen „habitablen Bereich“ liegen. TRAPPIST-1 d liegt knapp an der inneren Grenze dieses Bereichs – nah genug, um ausreichend Energie für flüssiges Wasser zu erhalten, aber potenziell zu nah, um langfristig stabile Bedingungen zu gewährleisten.


3. Physikalische Eigenschaften von TRAPPIST-1 d

3.1 Masse, Radius und Gravitation

  • Masse: ~0,39 Erdmassen

  • Radius: ~0,79 Erdradien

  • Oberflächengravitation: ~0,62 g (Erde = 1 g)

Für Menschen würde das bedeuten: Ein 80-kg-Mensch würde dort nur etwa 50 kg wiegen. Das klingt bequem – doch die geringere Schwerkraft hat gravierende Auswirkungen auf die Fähigkeit, eine Atmosphäre zu halten.

3.2 Umlaufbahn und Rotation

  • Bahnradius: ~0,022 Astronomische Einheiten (AU)

  • Umlaufzeit: ~4,05 Tage

Wegen dieser Nähe ist der Planet höchstwahrscheinlich tidal gebunden: Eine Hemisphäre zeigt permanent zum Stern, die andere liegt in ewiger Dunkelheit.

3.3 Temperaturen

Die berechnete Gleichgewichtstemperatur hängt stark von der Albedo ab:

  • Albedo 0,3 (wie Erde): ca. –15 °C

  • Albedo 0,0 (komplett dunkel): ca. +9 °C

Ohne Atmosphäre bedeuten diese Werte allerdings extreme Unterschiede zwischen Tag- und Nachtseite.


4. Der Stern TRAPPIST-1 – ein anspruchsvoller Gastgeber

4.1 Eigenschaften

TRAPPIST-1 ist ein ultrakühler roter Zwergstern, Spektraltyp M8:

  • Masse: 0,089 Sonnenmassen

  • Radius: 0,121 Sonnenradien

  • Temperatur: ~2.516 K (Sonne: 5.778 K)

  • Alter: geschätzt 3–8 Milliarden Jahre

4.2 Strahlungsumfeld

Obwohl der Stern kühl ist, ist er für seine Planeten alles andere als sanft. Rote Zwerge sind für ihre Aktivität bekannt: Häufige Flares, UV-Blitze und Teilchenstürme können über Millionen Jahre Atmosphären regelrecht wegradieren.


5. Die Rolle der Tidalbindung

Tidalbindung bedeutet, dass eine Planetenseite dauerhaft beleuchtet wird, während die andere in Dunkelheit liegt. Für TRAPPIST-1 d hat das mehrere Konsequenzen:

  • Tagseite: Ständige Einstrahlung, potenziell Überhitzung ohne Atmosphäre

  • Nachtseite: Dauerfrost, möglicherweise Temperaturen weit unter –100 °C

  • Terminatorzone: Schmaler Übergangsbereich, in dem moderate Temperaturen möglich wären – aber nur, wenn eine Atmosphäre Wärme transportiert

Ohne dichte Atmosphäre wird die Nachtseite eisig und unbewohnbar, die Tagseite könnte ungeschützt der Strahlung ausgesetzt sein.


6. Atmosphärenmessungen mit dem JWST

6.1 Beobachtungsmethode

Das James Webb Space Telescope misst während eines Planetentransits das Sternenlicht, das durch die Planetenatmosphäre dringt. Gasmoleküle hinterlassen charakteristische „Fingerabdrücke“ im Spektrum.

6.2 Ergebnis

Das Spektrum von TRAPPIST-1 d ist flach. Das bedeutet:

  • Keine deutlichen Signaturen für Wasser, Kohlendioxid oder Methan

  • Keine erdähnliche Atmosphäre

  • Falls vorhanden, ist die Atmosphäre extrem dünn oder von dichten Aerosolen geprägt, die Signaturen verdecken


7. Warum Atmosphären verloren gehen

Mehrere Faktoren können TRAPPIST-1 d die Hülle genommen haben:

  1. Geringe Gravitation: Leichtere Gasmoleküle entweichen leichter ins All.

  2. Stellarer Wind: Geladene Teilchen schlagen Gase aus der oberen Atmosphäre.

  3. UV- und Röntgenstrahlung: Spaltet Moleküle und erhitzt die obere Atmosphäre, bis sie entweicht.

  4. Fehlendes Magnetfeld: Ohne Magnetosphäre ist kein Schutz vor geladenen Teilchen vorhanden.


8. Geologische Aspekte

Selbst ohne Atmosphäre kann ein Planet geologisch aktiv sein. Bei TRAPPIST-1 d könnten Gezeitenkräfte durch den nahen Stern und benachbarte Planeten das Innere erwärmen. Mögliche Folgen:

  • Vulkanismus – könnte zeitweise Gase freisetzen

  • Tektonische Aktivität – würde Wärme verteilen

  • Eis-Schmelzprozesse auf der Nachtseite, falls es unterirdisches Wasser gibt

Allerdings deuten die fehlenden Atmosphärensignaturen darauf hin, dass eventuelle vulkanische Ausgasungen nicht ausreichen, um eine stabile Hülle zu halten.


9. Klima ohne Atmosphäre

Ohne Gashülle wäre TRAPPIST-1 d einer der extremsten Klimagegensätze, die man sich vorstellen kann:

  • Tagseite: Temperaturen möglicherweise über 100 °C

  • Nachtseite: Unter –150 °C

  • Kein Wärmeaustausch – nur in der Dämmerungszone könnten gemäßigte Werte herrschen, aber nur lokal


10. Vergleich mit Erde, Mars und Venus

  • Erde: Dichte Atmosphäre, Magnetfeld, moderater Stern, stabile Klimazonen

  • Mars: Dünne Atmosphäre, kein Magnetfeld, früher Verlust durch Sonnenwind

  • Venus: Dichte CO₂-Hülle, extremer Treibhauseffekt, Wolkendecke verhindert Abstrahlung

TRAPPIST-1 d ähnelt im wahrscheinlichen Zustand eher dem Mars – trocken, kalt auf der Nachtseite, heiß auf der Tagseite, ohne schützende Gashülle.


11. Bedeutung für die Suche nach Leben

TRAPPIST-1 d zeigt, dass Größe und Position allein keine Garantie für Bewohnbarkeit sind. Eine stabile Atmosphäre ist entscheidend. Ohne sie fehlt nicht nur der Strahlungsschutz, sondern auch die Möglichkeit, Wasser flüssig zu halten.

Die Forschung richtet sich daher verstärkt auf die Geschwisterplaneten e, f und g, die weiter außen liegen und damit möglicherweise bessere Chancen haben, ihre Atmosphären zu behalten.


12. Ausblick

Die nächsten Jahre werden weitere JWST-Beobachtungen bringen, aber auch Messungen mit bodengebundenen Riesenteleskopen. Ziel ist, Atmosphärenreste oder geologische Aktivität zu finden. Außerdem könnten langfristige Beobachtungen Aufschluss darüber geben, wie stabil Planetensysteme um Rote Zwerge überhaupt sind.