Die Elysée S01E05

 

„Schatten aus Licht“


1 – Ankunft der Helios

Auf der Brücke war es still.
Die Elysée lag im Orbit über der Nachtseite des Planeten – eine schwebende Silhouette vor dem Licht der fernen Sonne. Unter ihr glühten die alten Linien, über ihr zog der gigantische Ring seine Bahn, ein metallisches Band aus Glanz und Schatten.

Dann erschien ein zweites Licht.

Zuerst war es nur ein Funken im Fernfeld.
Ein pulsierendes Echo, das sich vergrößerte, bis ORIONs Stimme die Stille durchbrach:

„Kontakt bestätigt. Kennung: Helios-Expedition Eins.“

Commander Ward hob den Blick vom Taktikdisplay. „Drei Tage zu früh. Natürlich.“

Captain Keller blieb ruhig. „Kanal öffnen. Aber kein Vollbild.“

Auf dem Hauptschirm erschien das Bild eines Mannes mittleren Alters – glatt, kontrolliert, zu ruhig. Dr. Amon Varis, Missionsleiter der Helios.
Hinter ihm glänzte die Brücke seines Schiffs wie ein steriles Labor.

„Captain Keller“, sagte er mit kühler Stimme. „Ihre Ankunft wurde registriert. Gratulation. Sie sind also tatsächlich gesprungen.“

„Heil angekommen“, antwortete Keller nüchtern. „Sie scheinen es eilig zu haben.“

Varis’ Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln. „Eile ist eine Tugend, wenn Wissen vergehen kann. Sie haben etwas entdeckt. Wir werden übernehmen.“

Ward trat einen Schritt vor. „Übernehmen? Wir haben monatelang die Kartierung und Annäherungsprotokolle entwickelt –“

„Ich spreche mit dem Captain, Commander.“

Keller antwortete ruhig, aber mit Nachdruck: „Sie sprechen mit mir und meiner Crew. Wir haben eine aktive Struktur entdeckt, die auf Energie reagiert. Wir stehen in Kontakt – vorsichtig, aber bewusst.
Wenn Sie hier irgendetwas ‚übernehmen‘, gefährden Sie uns alle.“

„Ihre Vorsicht ist … sympathisch“, erwiderte Varis. „Aber das Zeitalter des Zögerns ist vorbei. Die Menschheit braucht Antworten, nicht Andeutungen. Ich übermittle Ihnen Koordinaten für eine gemeinsame Untersuchung.“

„Wir bleiben, wo wir sind“, sagte Keller.

„Dann bleiben Sie draußen, während Geschichte geschrieben wird.“

Die Verbindung brach ab.


2 – Die Spannung wächst

Ward atmete hörbar aus. „Was für ein arroganter Mistkerl.“

„Er glaubt, er habe recht“, sagte Keller. „Vielleicht glaubt er das wirklich.“

Chief Zhou prüfte die Anzeigen. „Die Helios öffnet ihre Hangarsektion. Sie schicken Drohnen in Richtung der Lichtzone.“

„ORION, Aufklärung.“

„Zwölf Einheiten, energiebasierte Triebwerke. Keine Waffen, aber hochaktive Sensorbänke. In drei Stunden erreichen sie den Rand der Zone.“

„Sie wissen nicht, womit sie spielen“, meinte Amira Solano leise.

Hiro Tanaka nickte. „Wissen ist nicht das Problem. Geduld ist es.“

Keller legte die Hände hinter den Rücken. „Zhou, Sicherheitsblase vorbereiten. Passiv, keine Signatur nach außen. ORION, Beobachtung ohne Eingriff. Wir lernen aus ihren Fehlern.“

„Verstanden.“

Ward funkelte ihn an. „Sie werden denken, wir hätten Angst.“

„Sollen sie. Angst hat schon mehr Leben gerettet als Stolz.“


3 – Das Wrack im Licht

Sechs Stunden später.
Auf der Brücke war es still, nur die Monitore flimmerten. Auf dem Hauptschirm war zu sehen, wie die Helios-Drohnen den milchigen Rand der Lichtzone erreichten.

„Sie treten ein“, meldete ORION.

„Und?“ fragte Keller.

„Kein Widerstand. Energiefluss leicht erhöht. Eine Drohne überträgt Bilddaten – Moment …“

Das Licht veränderte sich. Linien erschienen, weiche Formen, pulsierend, beinahe lebendig. Dann ein Flackern.

„Signalverlust bei Einheit 3“, sagte ORION.

„Verlust bestätigt bei 4 und 5“, ergänzte Zhou. „Die restlichen senden verrauschte Telemetrie. Keine organischen Rückstände, aber …“

„Aber was?“

„Das Signal klingt … menschlich.“

Ein leises Vibrieren lief durch die Lautsprecher. Kein Wort, keine Sprache – doch es hatte Rhythmus, fast wie Atem.

„Das ist eine Stimme“, flüsterte Amira.

„Nein“, sagte Hiro. „Ein Abdruck. Die Zone hat sie sich gemerkt.“

Einen Moment später erloschen alle restlichen Drohnen.

„Keine Energieaktivität mehr“, meldete ORION. „Die Zone kehrt in den Grundzustand zurück.“

„Wie ein Tier, das eine lästige Mücke abschüttelt“, murmelte Ward.

Keller nickte langsam. „Jetzt wissen wir, dass es Grenzen gibt.“


4 – Der Spalt

„Captain,“ meldete Zhou, „die Helios zieht sich zurück. Aber ein Modul bleibt aktiv – direkt am Rand der Zone.“

„Ein Peilsender?“ fragte Monroe.

„Mehr als das. Es sendet Impulse im Abstand von 43 Sekunden. Fast identisch mit denen, die wir beim ersten Kontakt gemessen haben.“

Hiro beugte sich über die Anzeige. „Sie versuchen, den Kontakt zu erzwingen.“

„Oder ihn zu stehlen“, murmelte Ward.

„Reagiert das Feld?“

„Noch nicht“, sagte Zhou. „Aber das kann sich jederzeit ändern.“

Keller nickte. „Sicherheitsstufe Blau. Keine aktiven Emissionen. ORION, Tarnmodus aktivieren.“

„Bestätigt. Energieabstrahlung minimiert. Unsere Präsenz liegt unterhalb des planetaren Grundrauschens.“

„Gut. Dann warten wir.“

Draußen schwebte das Peilmodul – unscheinbar, geduldig.
Das Licht der Zone flackerte, als würde sie überlegen.


5 – Das Echo

Drei Stunden später vibrierte der Boden unter ihren Füßen. Nicht stark, eher wie ein tiefer Atemzug durch das Metall.

„Feldreaktion!“ rief Zhou.

Auf dem Schirm wuchs ein feiner Strahl aus der Lichtzone, kaum sichtbar. Er traf direkt das Helios-Modul.

„Kontakt!“

„Reaktion?“

„Das Modul lädt sich auf – nicht entlädt! Es zieht Energie aus der Zone!“

„ORION!“

„Energiefluss exponentiell steigend. Ohne Begrenzung wird es sich selbst zerstören – oder die Zone destabilisieren.“

„Wenn wir eingreifen, verlieren wir unsere Tarnung“, erinnerte Keller.

„Und wenn wir nichts tun, reißt Varis das ganze System auf!“ rief Ward.

Keller blickte auf den Schirm. Das Modul glühte, heller und heller, bis das Licht schmerzte.

„Berechne Auswirkung eines Zerfalls“, sagte er leise.

„Lokale Schockwelle, aber begrenzt. Wir bleiben sicher, solange wir Distanz halten.“

„Dann bleiben wir still.“

Das Modul explodierte lautlos. Ein gleißender Blitz, dann Dunkelheit.
Die Zone flackerte – und glomm wieder ruhig.

Ward ballte die Fäuste. „Verdammt, Armand, das war’s mit ihrer Mission!“

„Nein“, sagte Keller ruhig. „Das war ihre Lektion.“


6 – Nachhall

Die Helios reagierte nicht mehr. Nur schwache Notdaten flackerten über die Verbindung.

„Lebenszeichen an Bord?“ fragte Ward.

„Vereinzelt“, meldete ORION. „Energieversorgung instabil.“

„Sie haben zu weit getrieben“, sagte Amira leise.

Keller nickte. „Wir schicken keine Rettung. Noch nicht. Erst muss die Zone wieder zur Ruhe kommen.“

Er trat an das Panoramafenster. Unter ihnen lag der Planet, still und uralt.
„Vielleicht hat sie ihnen nur gezeigt, wie klein wir sind.“

Ward trat neben ihn. „Und wenn sie sich irrt? Wenn sie entscheidet, dass wir zu laut sind?“

„Dann müssen wir ihr zeigen, dass wir zuhören können.“

Langsam begann die Elysée, den Orbit zu verändern – einen sanften Kreis, als Zeichen, dass sie blieb. Nicht als Eroberer, sondern als Gast.


7 – Das neue Licht

Spät in der Schicht flackerte der Hauptschirm. ORIONs Stimme war gedämpft.

„Captain, die Zone sendet ein Muster. Nicht an die Helios. An uns.“

Auf dem Display erschien eine Linie, dann ein Kreis mit acht Speichen – und schließlich ein neunter Punkt, der sich löste und auf die Elysée zubewegte.

Hiro richtete sich auf. „Sie haben sich verändert.“

Amira nickte. „Nein. Sie antworten anders. Sie wissen, wer wir sind.“

Keller legte eine Hand auf die Reling. „Dann haben wir einen Dialog. Aber keinen mit Worten.“

Ward blickte ihn an. „Und was, wenn der neunte Punkt ein Schlüssel ist?“

„Dann müssen wir entscheiden, ob wir die Tür überhaupt öffnen wollen.“


Cliffhanger
Der neunte Punkt erreicht den Orbit der Elysée und bleibt dort stehen.
Kein Angriff, kein Signal. Nur ein stilles, schwebendes Licht, das im Takt der Herzschläge der Crew pulsiert.


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