Die Elysée S01E02

„Das Grab der Zeit“


1 — Die erste Nacht

Auf der Elysée herrschte Stille.
Nach dem Erwachen des fremden Rings hatte niemand richtig geschlafen. Das diffuse, unheimliche Glühen über dem Planeten flackerte in regelmäßigen Abständen auf, als würde ein uraltes Herz langsam wieder zum Leben erwachen.

Captain Armand Keller stand allein auf der Brücke.
Seine Hände ruhten auf der Reling vor dem Hauptschirm, der die gewaltige Metallstruktur zeigte, die in der Dunkelheit wie ein lebendiges Wesen pulsierte.

„ORION,“ sagte er leise. „Gibt es Veränderungen im Energiemuster?“

Die holografische Gestalt der Schiffs-KI erschien neben ihm, leicht durchsichtig, fast geisterhaft.
„Negativ, Captain. Keine Schwankungen seit vier Stunden. Aber die interne Frequenz des Rings bleibt konstant aktiv.“

Keller nickte.
Er spürte, wie ihn das Licht dort draußen in seinen Bann zog. Es war, als würde der Ring sie beobachten.

Hinter ihm öffnete sich die Tür zur Brücke. Commander Selina Ward trat ein – wie immer aufrecht, mit diesem kühlen Blick, der zugleich Kontrolle und Wachsamkeit ausstrahlte.

„Sie waren die ganze Nacht hier?“

„Ich kann nicht schlafen, wenn da draußen etwas lebt, das seit Millionen Jahren auf uns wartet.“

Ward stellte sich neben ihn. Gemeinsam sahen sie auf den Schirm.
„Vielleicht will es gar nichts von uns,“ sagte sie leise.
„Vielleicht will es nur gesehen werden.“

„Oder es testet uns,“ entgegnete Keller. „Wir wissen nicht, was dieser Ort ist – ein Mahnmal, ein Werkzeug oder ein Grab.“

Ward schwieg. Doch das Wort „Grab“ blieb im Raum hängen wie kalter Rauch.


2 — Der Plan

Am nächsten Morgen war die Brücke voller Aktivität.
Chief Engineer Lian Zhou stand an der Energiekonsole und prüfte die Werte, während Dr. Hiro Tanaka die neuen Daten vom Ring studierte.

„Sehen Sie das, Captain?“ sagte Tanaka und deutete auf die holografische Projektion. „Hier, diese Sektionen. Sie sind symmetrisch angeordnet – wie eine Art Speichersystem. Ich vermute, dass der Ring Energie speichert, vielleicht auch Informationen.“

„Eine gigantische Festplatte?“ fragte Ward mit hochgezogener Augenbraue.

„Eher ein Archiv,“ sagte Tanaka. „Aber in einem Maßstab, den wir kaum begreifen können.“

Zhou nickte. „Wenn er aktiv bleibt, bedeutet das, dass irgendwo Energie herkommt. Aber keine Emissionen, keine Wärme, nichts. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“

„Was schlagen Sie vor?“ fragte Keller.

„Eine unbemannte Sonde,“ antwortete Tanaka sofort. „Wir schicken sie in den inneren Orbit, um Daten direkt an der Oberfläche zu sammeln. Keine aktiven Signale, nur passive Aufzeichnung.“

Ward nickte zustimmend. „Das Risiko wäre überschaubar. Wir bleiben unauffällig.“

Keller überlegte kurz. Dann nickte er. „Tun Sie es. Aber nur mit äußerster Vorsicht. Wenn dieser Ring lebt, könnte er auf Eindringlinge reagieren.“


3 — Die Sonde „Luciole“

Die Sonde schwebte aus dem Hangar, klein wie ein Insekt, aber voller modernster Sensoren.
Auf den Schirmen der Brücke verfolgten alle ihren Flug – eine silberne Silhouette, die sich langsam dem gigantischen Bauwerk näherte.

„Abstand drei Kilometer,“ meldete Zhou. „Keine Störfelder, keine Bewegungen.“

„Luciole nähert sich dem Segment sieben,“ sagte Mara O’Neill, die Pilotin, ruhig und konzentriert.

Auf dem Hauptschirm erschien das gewaltige, ringförmige Bauwerk in voller Pracht. Metallisch, mit unzähligen Linien, Gravuren und leuchtenden Punkten.

„Das sieht nicht nach Zufall aus,“ sagte Amira Solano. „Das ist Architektur.“

„Mehr als das,“ murmelte Tanaka. „Das ist Mathematik in Form gegossen.“

Die Sonde schwenkte näher, ihre Kameras fuhren aus.
In den Rillen und Vertiefungen des Rings schimmerten Symbole – keine Schrift im menschlichen Sinn, eher geometrische Figuren, verbunden durch Linien.

„ORION, Aufzeichnung aktivieren,“ befahl Keller.

„Läuft.“

Dann geschah es.
Ohne jede Vorwarnung flackerte das Bild – ein kurzer Impuls, kaum messbar, aber deutlich sichtbar.

„Energiespitze!“ rief Zhou. „Direkt unter dem Segment!“

„Luciole, Rückzug!“ befahl Keller sofort.

Doch die Sonde reagierte träge.
„Irgendetwas bremst sie,“ meldete O’Neill. „Ich erhöhe den Schub – keine Wirkung!“

Auf dem Bildschirm schien die Sonde zu schweben, als hätte eine unsichtbare Hand sie ergriffen.

„Feldanalyse?“ fragte Ward.

„Nicht elektromagnetisch,“ antwortete Zhou. „Kein Gravitationszug – eher … Druckwellen im Subraum. Als würde sie festgehalten werden.“

„Können wir sie befreien?“

„Ich versuche es mit inverser Polarisierung.“

Ein kurzer Blitz – dann war das Bild wieder klar.
Die Sonde driftete frei.

Erleichtertes Aufatmen auf der Brücke.

„Zurück zum Schiff,“ befahl Keller. „Langsam, ohne Gegenimpuls.“

Die Sonde kehrte zurück. Doch während sie sich entfernte, schien ein schwaches Glühen in den Linien des Rings aufzuleuchten – kaum sichtbar, aber rhythmisch.

„ORION,“ sagte Keller leise. „Ich glaube, wir haben jemanden geweckt.“


4 — Schatten auf der Brücke

Zwei Stunden später.
Monroe hatte die Sicherheitsprotokolle doppelt überprüft, während Amira und Tanaka die Daten der Sonde auswerteten.

„Kein Zweifel,“ sagte Tanaka. „Das Feld hat auf uns reagiert. Es war keine natürliche Anomalie. Der Ring hat uns erkannt.“

Amira nickte langsam. „Es war keine Aggression. Eher … eine Untersuchung. Als hätte er uns berührt, um zu verstehen, wer wir sind.“

Keller sah zwischen ihnen hin und her. „Und? Was sagen uns die Daten?“

„Da ist ein Muster,“ sagte Amira. „Eine Wiederholung. Acht Punkte, verbunden durch Linien. Ein Kreis mit Speichen. Es wiederholt sich exakt alle zwei Minuten.“

„Eine Botschaft?“

„Vielleicht ein Signal. Vielleicht ein Name.“

Keller schloss die Augen. „Oder eine Warnung.“

ORION unterbrach die Stille. „Captain, ich empfange erneut schwache Schwingungen vom Ring. Frequenz deckungsgleich mit dem Signal, das die Luciole aufgezeichnet hat.“

„Er antwortet uns,“ sagte Tanaka.

„Oder ruft uns,“ murmelte Ward.

Keller lehnte sich in seinen Sitz. „Ich will keinen Kontakt – noch nicht. Beobachten. Aufzeichnen. Kein aktiver Ping.“

Er sah durch das Frontfenster hinaus, wo der Ring über dem Planeten schwebte.
Ein Bauwerk, das vielleicht älter war als alles, was die Menschheit kannte.
Ein Denkmal … oder ein Grab.


5 — Das Erwachen

Die Nacht kam schnell – auch im Orbit.
Doch niemand an Bord fand Ruhe.

ORION meldete kurz nach Mitternacht: „Feldaktivität nimmt zu. Der Ring leuchtet erneut, diesmal in geordneten Pulsen. Muster entspricht einem binären Rhythmus.“

„Binär?“ fragte Ward. „Dann ist das eine Sprache!“

„Oder ein Protokoll,“ sagte Tanaka. „Er prüft, ob jemand antwortet.“

„Wir antworten nicht,“ befahl Keller.

Doch der Ring reagierte trotzdem.

Ein einzelnes Licht glomm auf, direkt unterhalb des größten Segments. Dann ein zweites. Ein drittes. Schließlich ein ganzer Kreis aus leuchtenden Punkten.

„Er formt etwas,“ sagte Amira. „Ein Muster.“

Zhou blickte auf die Energiedaten. „Leistung steigt. Wir haben Schwingungen im Subraum – und im lokalen Gravitationsfeld!“

„Abstand halten,“ befahl Keller.

Doch es war zu spät.
Ein Energiestoß durchzuckte den Raum – kein Angriff, eher ein Impuls. Für Sekunden fiel das Licht an Bord der Elysée aus.

Als es wieder aufflackerte, flimmerte der Hauptschirm.
Dort, über dem Planeten, war der Ring geöffnet – und im Innern schwebte etwas.

Eine Struktur, halb durchsichtig, wie ein Kristall aus Licht.

„Was in aller …“ begann Ward.

„Das ist ein Tor,“ flüsterte Tanaka. „Ein Übergang.“

Keller sagte nichts.
Er wusste, was dieses Gefühl in seiner Brust war – keine Furcht, sondern Ahnung.

Sie haben uns gesehen.


6 — Das Grab der Zeit

Am nächsten Tag war der Himmel des Planeten hell.
Die Kameras der Sonde, die sie erneut gestartet hatten, zeigten einen gewaltigen Schatten auf der Oberfläche: eine Struktur, die von oben aussah wie eine Spirale aus Metall.

„Das ist keine Stadt,“ sagte Tanaka. „Das ist ein Generator. Der ganze Planet war eine Maschine.“

„Eine Maschine, die was getan hat?“ fragte Ward.

„Zeit kontrolliert,“ antwortete er leise.

Amira schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich.“

„Nicht für sie,“ sagte Tanaka. „Sie haben den Fluss der Zeit verlangsamt, vielleicht angehalten. Und sie sind selbst darin eingeschlossen.“

Keller atmete tief durch. „Ein Grab … der Zeit.“

Auf dem Schirm erschien plötzlich eine Bewegung.
Ein einzelner Lichtpunkt, der vom Planeten aufstieg – langsam, aber stetig.

„Ein Signal?“ fragte Ward.

„Nein,“ sagte ORION. „Ein Objekt. Kurs direkt auf uns.“

„Schilde aktivieren,“ befahl Keller.

Doch das Licht stoppte plötzlich – als würde es sie ansehen. Dann flackerte es dreimal auf … und verschwand.

„Was war das?“ fragte Amira leise.

Keller antwortete nicht.
Er starrte hinaus in die Sterne – und wusste, dass sie etwas entfesselt hatten, das nicht mehr schlief.


Cliffhanger:
Ein letztes Signal blinkte auf den Sensoren. Drei Töne, exakt in menschlicher Frequenz.
„ORION,“ sagte Keller ruhig, „woher kommt das?“
Die Antwort klang wie ein fernes Echo:
„Aus dem tiefen Raum, Captain. Jemand … antwortet uns.“


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