Gastrecht
Brücke
Die Brücke lag im Dämmerlicht. Anzeigen schwebten über den Konsolen, das leise Surren der Lüfter füllte den Raum. Vor der Elysée stand der fremde Raum: Körper ohne erkennbare Aufhängung, in gleichmäßigen Abständen; Linien, als mit dem Lineal gezogen. Der Durchgang, durch den sie gekommen waren, lag hinter ihnen dunkel und geschlossen.
„Außen ist alles stabil“, sagte Zhou und fuhr mit zwei Fingern die Kurslinie nach. „Keine aktiven Felder, keine Bewegung.“
„Wie weit ist das Labor mit den Auswertungen?“, fragte Keller.
„Amira und Zara haben den Marker in der Messkammer“, antwortete Ward. „ORION spiegelt die Werte auf die Brücke.“
„Gut“, sagte Keller. „Wir beobachten und protokollieren nur.“
Der Marker
Die Messkammer brummte leise. Unter der Haube lag der silberne Marker wie ein flacher Stein. Amira fuhr die Sensoren dicht an die Kante. Auf ihrem Monitor sprang eine Kurve kurz an.
„Gebundene Energie, aber keine messbare Quelle“, sagte sie. „Er sendet nichts. Trotzdem wird er aktiv, sobald unser Hüllensymbol sichtbar ist.“
Das Hüllensymbol war schlicht: ein Kreis mit Speichen und ein Punkt in der Mitte. Sichtbar wurde es nur, wenn die Hülle angestrahlt wurde.
Zara nickte. „Die Reaktion kommt genau dann, wenn das Bild vollständig steht.“
„Drei kurze Impulse, dann Ruhe“, sagte ORION. „Der gleiche Takt wie im Korridor. Reaktionen nur auf Formen.“
„Das System erkennt uns an der Form“, sagte Amira. „Und prüft, wie wir reagieren.“
Wards Stimme kam über Interkom: „Die Außenlinien verschieben sich minimal, aber regelmäßig. Das wirkt gesteuert.“
„Wir bleiben dran“, sagte Amira und dimmte die Kammer. Die Kurve lief gleichmäßiger.
Die Spur
Ward vergrößerte die Außenansicht. Drei Linien bekamen die Markierungen A, B und C; neben jeder lief eine kleine Uhr.
„Keine Karte“, sagte sie. „Eher eine Reihenfolge. Erst A, dann B, dann C.“
Keller trat neben sie. „Langsam. Keine hastigen Manöver.“
„Pilot bereit“, sagte O’Neill. Sie schob den Schubregler einen Millimeter vor. Ein feiner Vibrationston lief durch den Rumpf.
„Kontakt zur Helios?“, fragte Ward.
„Negativ“, sagte Zhou.
Die Elysée glitt an A vorbei. Der Sternhintergrund wirkte tiefer, als hätte der Raum nachgegeben. Vor dem Bug erschien eine helle Fläche, groß wie ein Tor, glatt und rahmenlos.
„Abstand hundert Meter“, meldete O’Neill. „Ich halte Position.“
„Vorsicht. Kein Kontakt“, sagte Ward.
In der Mitte der Fläche öffnete sich ein runder Durchlass. Er wurde größer, bis das Schiff hindurchgepasst hätte. Auf den Anzeigen flackerte eine Kurve zweimal kurz.
„Eine Einladung“, sagte Zara leise.
„Wir nehmen sie an“, sagte Keller.
O’Neill führte das Schiff hindurch. Dahinter lag eine Halle ohne sichtbare Wände.
„Werte unverändert“, sagte Amira.
„Vor uns baut sich ein schwaches, geordnetes Feld auf“, meldete ORION.
„Fünf Meter darüber anhalten“, befahl Keller.
Unter dem Schiff trat eine dunkle Scheibe hervor. Nacheinander leuchteten drei, zwei und ein kurzer Strich auf; dann war es wieder dunkel.
„Freigabe“, sagte ORION.
„Zeigen wir unser Zeichen“, sagte Keller.
Zhou aktivierte die Außenhaut. Kreis, Speichen, Punkt – das Symbol lag matt auf der Silhouette der Elysée.
Die Scheibe flackerte. In der Mitte hob sich eine flache Platte wenige Zentimeter. Darauf lag ein dunkler, handtellergroßer Körper, glatt und fugenlos.
„Keine aktiven Felder“, sagte Amira und notierte.
Ward musterte die Platte. „Man könnte ihn an Bord nehmen.“
Keller schüttelte den Kopf. „Er bleibt, wo er ist. Vollständiger Scan, dann abwarten.“
„Kameras laufen“, sagte ORION. Abtaster surrten, Raster und Maßangaben erschienen auf dem Monitor.
Zara betrachtete das Objekt. „Wirkt, als fehle eine Hälfte.“
„Labor, Status Marker?“, fragte Keller.
„Er wird aktiv, wenn wir näherkommen“, sagte Amira. „Gehen wir zurück, fällt er in einen Ruhemodus. Er reagiert auf Annäherung.“
Nach genau einer Minute senkte sich die Platte in die Scheibe zurück.
„Zeitstempel gesetzt“, sagte ORION.
„Weiter wie bisher“, sagte Keller. „Wir projizieren Symbole und warten.“
Links im Raum öffnete sich ein schmaler Durchgang: gerade, am Ende warmes Licht.
„Gleiche Situation wie eben“, sagte Ward.
„Zwei Meter pro Sekunde, keine Hektik“, sagte Keller. „Voraus.“
Rückkehr
Im Tunnel passierte nichts Auffälliges. Man hörte nur das leise Surren der Lagekontrolle. Das Licht am Ende blieb konstant. Ein dünner Schleier lag im Weg; die Elysée durchquerte ihn, ohne dass jemand etwas spürte. Einige Anzeigen flackerten kurz, dann stabilisierten sie sich.
„Position?“, fragte Keller.
„Sternbilder wieder erkannt“, sagte Zhou.
Am Rand der Frontscheibe stand der Ringplanet, die Nachtseite lag vor ihnen. Zwischen Schiff und Planet pulsierte der neunte Lichtpunkt ruhig.
„Wir sind zurück“, sagte Amira.
„Und der Punkt hält die Position“, sagte Zara. „Wie ein Wegweiser.“
„Marker?“, fragte Keller.
„Ausgangszustand“, sagte Amira. „Alles stabil.“
„Für heute reicht es“, sagte der Captain leise.
Helios
Der Holokanal öffnete sich. Dr. Amon Varis erschien; hinter ihm die Brücke der Helios.
„Captain Keller“, sagte er, „unsere Systeme registrierten kurz Aktivität. Ich verlange einen vollständigen Bericht.“
„Wir berichten an die Kommission“, erwiderte Keller ruhig. „Bitte wenden Sie sich dorthin.“
„Das genügt mir nicht“, entgegnete Varis. „Die Zusammenarbeit—“
„—bleibt entsprechend der Vorschriften“, sagte Ward. „Wir halten uns ans Protokoll.“
Varis’ Blick blieb ernst, dann brach er die Verbindung ab.
„Er wird das so nicht akzeptieren“, sagte Ward.
„Wir halten uns weiter an die Vorschriften“, bemerkte Keller.
Bilanz
Im Besprechungsraum war das Licht gedämpft. Auf dem Sideboard stand das Modell eines alten Segelschiffs, das den Raum wärmer wirken ließ.
„Ich fasse mich kurz“, sagte Ward. „Das Objekt reagiert auf Zeichen. Drei Prüfsequenzen, ruhige Wiederholung.“
„Der Marker“, sagte Amira, „reagierte auf unser Symbol.“
„Die Halle bot Möglichkeiten“, sagte Zara. „Wir nutzten keine. Danach öffnete sich der nächste Weg. Das Muster blieb gleich.“
„Unsere Zeichen sind gespeichert“, meldete ORION. „Das System hat uns registriert und kann uns erneut identifizieren.“
Keller legte die Hand auf den Tisch. „Wir sichern die Daten und beobachten das Ganze weiter aus der Ferne.“
„Es ist Heiligabend“, sagte O’Neill leise.
Ward nickte. „Ein Tag des Friedens.“
„Und der Erscheinungen“, sagte Zara.
Keller: „So ist es.“
Nacht
Die Aussichtsgalerie lag halb im Schatten. Warmes Licht. Der Ringplanet schnitt wie eine Klinge durchs Fenster. Amira wärmte die Hände am Becher.
„Ich dachte, erster Kontakt heißt reden“, sagte sie. „Hier lief alles über Verhalten und Symbole.“
Zara stützte die Arme aufs Geländer. „Sie haben gesehen, wie wir handeln – nicht, was wir sagen.“
„Man wird fragen, warum wir nichts mitbringen“, sagte O’Neill.
„Weil es nichts gab“, sagte Ward. „Und weil es keine direkte Kommunikation gab.“
„Und jetzt?“, fragte O’Neill.
„Jetzt warten wir auf eine Einladung“, sagte Ward. „Oder wir ziehen weiter, wenn keine kommt.“
Amira nickte. „Ganz leer gehen wir nicht. Wir wissen jetzt, dass es dort draußen weitere Intelligenzen gibt.“
Alle nickten, während draußen in der Kälte des Alls das zuletzt erschienene Signal weiter als sanfter Lichtpuls stand.
Protokoll
ORION aktivierte die Tagesschicht. Zugang, drei Prüfetappen, große Halle, weiterer Tunnel, Rückkehr zum Ausgangspunkt. Daneben die Notiz: B-12 – Linie – Konsole – Marker.
„Das Paket ist bereit“, sagte ORION. „Daten, Bilder, Protokolle. Ohne Deutungen.“
„Senden“, sagte Keller.
„Was ist mit der Helios?“, fragte Ward.
„Hält Abstand“, sagte Zhou. „Kein Funk, keine Manöver.“
„Wir geben unsere Hüllen-Sequenz frei“, sagte Keller. „Kein Schlüssel – nur ein Hinweis, wie man sich hier bewegt.“
„Verstanden“, sagte ORION.
„Dann raus damit. Danach Signaturen wieder neutralisieren.“
Zhou bestätigte. Draußen flammte das Zeichen kurz auf und erlosch.
„Normale Wache“, sagte Keller. „Morgen Fernmessungen. Kein Risiko.“
Kurz vor Schichtende meldete ORION: „Die Gebilde vor uns weichen um wenige Grad zurück.“
„Hinweis auf Bedeutung?“, fragte Ward.
„Wirkt, als würden sie Platz schaffen“, sagte ORION.
Keller sah auf den Schirm, legte die Hand an die Reling. „Dann bin ich gespannt, was kommt“, sagte er leise. „Hoffentlich Gutes.“
Das Licht auf der Brücke dimmte. Stimmen wurden leiser. Die Crew hielt den Blick auf den Außenbildschirm gerichtet.
Plötzlich blähte sich der pulsierende Punkt auf – wie eine Explosion aus Licht. In Sekunden war er so groß wie ein kleiner Mond. Grelle Strahlung blendete die Brücke. Keller blinzelte, richtete sich ganz auf.
„Etwas kommt aus dem Licht“, sagte er. „Es ist …“
Ein fremd schimmerndes Schiff löste sich aus dem Ereignishorizont und kam zum Stillstand, reglos, fünfzehn Kilometer vor der Elysée.
Ende der ersten Staffel.
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