„Im Schatten der Macht“
1 — Die Rückkehr der Stille
Seit dem Erwachen des Rings war eine Woche vergangen.
Doch die Ruhe an Bord der Elysée war nur äußerlich. Unter der Oberfläche wuchs etwas anderes – Misstrauen.
Man sprach leiser auf den Korridoren, Gespräche versiegten, wenn jemand den Raum betrat. Niemand sagte es laut, aber jeder spürte es: Der Ring hatte mehr geweckt, als irgendjemand begreifen konnte.
Captain Armand Keller stand an der Frontscheibe der Brücke. Vor ihm drehte sich die gewaltige Struktur im Licht der nahen Sonne – ein Kreis aus metallischem Glanz und Schatten.
Das Herz des Systems.
Oder sein Fluch.
„ORION?“ fragte er ohne sich umzudrehen.
„Ich höre, Captain.“
„Veränderungen im Aktivitätsmuster?“
„Negativ. Die Schwingungsfrequenzen bleiben stabil. Aber …“ Die KI hielt inne.
„Aber?“
„Ich registriere eine zweite Quelle. Ein schwaches, moduliertes Signal aus dem äußeren Orbit. Menschlicher Ursprung.“
Keller drehte sich langsam um. „Menschlich?“
„Bestätigt. Codierung entspricht einem verschlüsselten Flottenprotokoll.“
Ward, die am Taktikdisplay stand, hob den Kopf. „Wir sind die einzige Mission hier draußen. Zumindest offiziell.“
„Eben,“ sagte Keller ruhig. „Rufen Sie es auf.“
Das Signal erschien auf dem Hauptschirm – nur eine Folge aus Intervallen, dumpf, verzerrt, wie ein Herzschlag im Vakuum. Dann eine Stimme, brüchig und kaum verständlich:
“… hier ISV Nereus … hören Sie uns? … brauchen … Hilfe …“
Dann Stille.
Mara O’Neill, die Pilotin, sah über die Schulter. „Ein Notruf?“
„Klingt eher nach einem Echo,“ murmelte Ward.
Keller trat näher. „Quelle?“
„Etwa drei Millionen Kilometer entfernt,“ meldete ORION. „Stationär. Kein Antrieb, keine aktiven Systeme.“
„Setzen Sie Kurs.“
Ward sah ihn an. „Wirklich, Captain? Wir wissen nicht, was dort draußen wartet.“
„Genau deswegen gehen wir hin,“ antwortete Keller. „Wir sind nicht hier, um uns zu verstecken.“
2 — Das Wrack
Die Elysée näherte sich vorsichtig.
Zwischen den Sternen schwebte ein dunkler Schatten – das Wrack eines Forschungskreuzers, halb zerrissen, halb eingefroren.
„Kennung bestätigt,“ sagte ORION. „ISV Nereus. Vermisst seit acht Monaten. Besatzung: dreiundvierzig.“
„Lebenszeichen?“
„Keine.“
Auf dem Schirm war das Schiff nur noch eine Hülle.
Die äußere Sektion fehlte, Trümmer trieben in einem schmalen Orbit um den Rumpf. Doch im Inneren leuchtete etwas.
„Da ist Energie,“ stellte Zhou fest. „Schwach, aber konstant.“
„Ein Notaggregat?“ fragte Ward.
„Oder etwas anderes.“
Keller atmete tief durch. „Monroe, Sie führen ein Außenteam. Nehmen Sie Tanaka und Amira mit. Ziel: Datenkern, Besatzungslogbücher, alles, was uns sagt, was hier passiert ist.“
„Verstanden, Captain.“
Wenig später öffnete sich die Luftschleuse. Drei Raumanzüge glitten hinaus in die Stille.
Die Elysée blieb im Hintergrund – eine dunkle Silhouette vor dem Licht der Sonne.
„Druckausgleich negativ,“ meldete Monroe. „Rumpf ist aufgerissen. Wir driften rein.“
Das Innere der Nereus war ein einziger Scherbenhaufen.
Verkohlte Konsolen, schwebende Trümmer, eingefrorene Tropfen – Reste eines Feuers, das im Vakuum erstorben war.
„Ich habe Bewegungsreflexionen,“ sagte Amira leise.
„Optische Täuschung,“ erwiderte Tanaka. „Nur Lichtbrechung.“
„Ich hab zu viele Filme gesehen, um das zu glauben,“ murmelte Monroe.
Sie erreichten das Zentralsegment. Dort flackerte schwach ein Display.
Darauf – eine Sequenz aus Symbolen, vertraut und doch fremd.
„Das … ist vom Ring,“ sagte Tanaka.
„Wie kommen die in ein menschliches Schiff?“ fragte Amira.
„Vielleicht haben sie etwas gefunden,“ meinte Tanaka. „Oder … etwas hat sie gefunden.“
Monroe öffnete das Logbuch. Nur Fragmente:
Projekt Helios – Rückkopplung instabil – Kontaktaufnahme fehlgeschlagen – Abbruch –
Dann: ‚Das Licht sieht uns.‘
Ein leises Knacken im Funk ließ sie zusammenzucken.
„Habt ihr das gehört?“ fragte Amira.
„Was?“
„Da war … eine Stimme.“
„Ich hab nichts gehört,“ sagte Monroe, doch seine Hand lag bereits auf der Waffe.
Dann erlosch das Licht.
„Zhou, Energieabfall! Holt uns raus!“
Aber Zhou meldete: „Der Übergang ist gestört. Etwas … stört unsere Feldlinien.“
Im Dunkeln flackerte eine Anzeige auf. Kein Schriftzeichen, nur ein Symbol.
Ein Kreis. Mit acht Speichen.
„Verdammt,“ flüsterte Tanaka. „Das ist dasselbe Muster wie auf dem Ring.“
3 — Stimmen in der Tiefe
Zurück an Bord der Elysée herrschte gespannte Stille.
Monroe legte den Helm ab, die Stirn glänzte vor Schweiß.
„Da war niemand,“ sagte er. „Aber irgendetwas … hat uns beobachtet.“
Keller sah ihn ruhig an. „Was genau?“
„Ich weiß es nicht. Ich hab’s nicht gesehen. Nur gespürt. Wie ein Echo im Kopf.“
Amira nickte. „Ich auch.“
Zhou prüfte die Protokolle. „Beim Andocken gab es eine Fluktuation im Hyperfeld. Als würde etwas die Übertragung zwischen Schiff und Anzug verzerren.“
„Könnte das Signal des Rings gewesen sein?“ fragte Ward.
„Nein,“ sagte Tanaka. „Das war etwas anderes. Etwas, das … von innen kam.“
Keller stand auf. „Wir haben zu viele Unbekannte. Ich will die Aufzeichnungen der Nereus entschlüsselt haben – und zwar gestern.“
ORION bestätigte. „Ich arbeite bereits daran. Allerdings … ist die Verschlüsselung nicht menschlichen Ursprungs.“
Ward hob den Kopf. „Wie bitte?“
„Der Code enthält mathematische Sequenzen, die in keinem bekannten Terranischen Standard vorkommen. Er ähnelt der Struktur der Ringzeichen.“
Tanaka trat vor. „Das heißt, sie haben versucht, den Ring zu entschlüsseln – und etwas hat zurückgeschrieben.“
„Oder sie haben zugehört,“ sagte Keller leise, „und etwas hat geantwortet.“
4 — Der Schatten unter uns
Die Elysée schwebte wieder im Orbit über dem Planeten, doch die Unruhe an Bord war geblieben.
Selbst ORIONs Stimme klang anders – gedämpfter, vorsichtiger, als würde auch er spüren, dass etwas nicht stimmte.
In der Messe sprachen die Crewmitglieder leise miteinander.
„Ich sag dir, das war kein Zufall,“ meinte Mara. „Das andere Schiff … das hat denselben Code wie der Ring. Vielleicht war das der erste Versuch, mit ihm zu reden.“
Zara, die junge Botanikerin, sah sie ernst an. „Und vielleicht war das ihre letzte Unterhaltung.“
Amira trat hinzu. „Gerüchte helfen uns nicht weiter. Wir haben Daten, wir haben Spuren. Mehr nicht.“
„Aber was, wenn wir schon Teil davon sind?“ fragte Mara. „Wenn der Ring uns längst analysiert?“
Da öffnete sich die Tür. Commander Ward trat ein, ruhig, mit verschränkten Armen.
„Diese Gespräche führen Sie besser auf der Brücke. Ab sofort gilt Informationssperre. Keine offenen Spekulationen mehr. Befehl des Captains.“
Mara presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts.
Ward wandte sich an Amira. „Keller will Sie und Tanaka im Labor. Es gibt neue Daten. Und einen Hinweis auf Sabotage.“
Amira erstarrte. „Sabotage?“
Ward nickte nur.
5 — Das Herz der Elysée
Im Labor herrschte bläuliches Licht.
Zwischen den Konsolen schwebte eine Projektion: ein Netzwerk aus Energieadern, die sich durch das ganze Schiff zogen.
„Das ist die Energiekarte der Elysée,“ erklärte Zhou. „Und das hier …“ – sie zeigte auf einen hellen Punkt – „… ist der Anomaliekern. Er wurde verändert.“
„Verändert?“ fragte Keller.
„Manipuliert,“ sagte Zhou. „Irgendjemand hat die Kalibrierung des Hauptfelds um 0,03 Prozent verschoben. Kaum messbar, aber genug, um eine Rückkopplung zu erzeugen – genau wie auf der Nereus.“
Keller sah sie ernst an. „Wer konnte das tun?“
„Nur jemand mit Zugriff auf die Energieleitungen. Oder …“ Zhou zögerte. „… jemand, der vom Ring selbst beeinflusst wurde.“
Ward trat näher. „Sie glauben, das Ding … wirkt auf uns ein?“
„Ich sage nur, dass es möglich ist.“
Tanaka, der die Projektion beobachtete, flüsterte: „Wenn der Ring wirklich Bewusstsein hat, dann nutzt er vielleicht unsere Systeme, um zu lernen. Vielleicht auch, um zu sprechen.“
„Und was, wenn er lügt?“ fragte Monroe trocken.
Keller sah ihn an. „Dann lernen wir, mit Göttern zu verhandeln.“
6 — Das Echo
Es begann mitten in der Nacht.
Ein Signal – leise, kaum hörbar – schlich sich durch die Kommunikationskanäle. Zuerst dachte ORION, es sei ein Fehler. Doch dann formte das Rauschen Worte.
„Elysée … wir … sehen … euch …“
Zhou riss den Kopf hoch. „Das kommt aus unserem eigenen System!“
Ward stürmte auf die Brücke. „Ursprung?“
„Interne Rückkopplung über das Sensorfeld. Das Signal kommt aus dem Schiff.“
„Wer sendet?“
„Niemand,“ sagte ORION. „Ich wiederhole: Niemand.“
Der Schirm flackerte.
Ein Moment, und das Symbol erschien wieder – der Kreis mit den acht Speichen.
Keller trat vor. „Was willst du?“ sagte er leise.
Und eine Stimme antwortete – nicht elektronisch, nicht maschinell.
Eine Stimme, die direkt im Kopf zu sprechen schien.
„Wir sind, was ihr wart. Und wir schlafen nicht.“
Dann war das Signal weg.
Stille.
Ward sah zu Keller. „Was war das?“
„Etwas, das uns gefunden hat,“ sagte er. „Und das sich erinnert.“
Cliffhanger:
Die Elysée treibt schweigend im All.
Doch tief in ihrem Innern pulsiert ein Licht – ein Herz aus fremder Energie.
Und in den Dunkelbereichen der Sensorik taucht plötzlich ein zweites Symbol auf:
Nicht der Ring.
Ein anderes Zeichen.
Ein menschliches.
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